Recht auf Unerreichbarkeit, ohne Mikroverletzungen – ich bin dann mal weg!

unerreichbarunerreichbarkeit

Echte Freiheit und Work Life Balance im digital optimiertem Zeitalter (?!) Vereinbarkeit der Arbeit mit dem Privatleben – oder auch der Hype-Begriff „Work Life  Balance“ – ist nicht immer einfach unter einen Hut zu bringen.
Wenn dann aber auch noch die omnipräsente Arbeit einem „digital“ verfolgt und begleitet mittels „netten“ Tools wie Smartphones, Tablets, Notebooks oder HomeOffice wird diese Vereinbarkeit anspruchsvoller.

Vor langer Zeit – vor den „Natels“ – wurden Pikett-Organisationen aufgebaut, organisiert und eskaliert mittels dem guten alten Telefon oder dem Pager (mitunter auch „Peitscher“ genannt).
Zu jenen Zeiten konnte man sich den Luxus leisten nicht immer erreichbar zu sein, nicht in der Nähe eines Telefons zu warten oder den Pager irgendwo liegenzulassen.

Der Anfang des Endes der scharfen Abgrenzung zwischen der Arbeit und dem Privatleben entstand spätestens mit dem Einzug der ersten Mobiltelefone / Natels.
Der damalige Hype und Luxus der Omninpräsenz und Dauererreichbarkeit wurde zum Mainstream hochstilisiert und war „in“

Andere damit verbundene Entwicklungen in Themen wie z.B. Anruf um jeden Preis und zu jedem eher auch unwichtigem Thema prägten eine andere bequeme Denkart in Richtung der chaotischen ungeplanten Verhaltensweisen weil man ja sonst „kurz“ noch anrufen konnte wenn man was vergessen hatte oder was „so wichtiges“ mitteilen konnte („Hallo, ich stehe vor der Türe und komme nun rein“)

Aus meiner Sicht entstand damals eine neue Art von Störungsfaktoren für jeden Menschen. Jeder rief von überall, zu jedem wichtigen und eher unwichtigem Thema und letztlich zu jeder Tages- und Nacht-Zeit an. Aus meiner Ueberzeugung entstanden dadurch zuerst oberflächige und später durchaus auch tiefere Arten von „Mikroverletzungen“. Mikroverletzungen welche letztlich bei jedem Klingeln / Piepsen / neuer Nachricht die eigene Beschäftigung / Konzentration oder Privatleben / Familie kurz zusammenzucken und stören lässt.
Bei schwereren Arten dieser Omnipräsenz und dem Erreichbarkeits-Wahn scheinen viele ach so wichtige Personen beinahe einen Zusammenbruch oder gar Herzflattern zu kriegen …

Anfangs waren diese Mikroverletzungen in Form von einem an jedem bekannten „weltweit standardisierten“ 😉 Klingelton (Nokia) begleitet – Tag und Nacht. Später jedoch folgten weitere mobile Dienste wie SMS und letztlich Emails die zu „bald mal schwereren“ Verletzungen führten. Offenbar war dieses eher Holprinzip von Email nicht schon genug und es mussten bald weitere Erweiterungen her wie Push-Dienste, Alarmierungen, Social Media, Apps wie MMS / Whatsapp / Facebook / Xing / Twitter / Blogs / Newsletters / RSS-Feeds etc.

Die Firmen, Medizin und Personal-Branche reagierten und prägten den kontextbasierten Hype „Work Life Balance“ bei später dann folgendem „Burn Out“ (oder rücksichtsvoller ausgedrückt „Erschöpfungsdepression“). Es musste Lösungen, Beratungen und Konzepte her zugunsten der Firmen und der Therapeuten … Diese Lösungen versuchten letztlich immer wieder, mit allen Mitteln die Vereinbarkeit der Arbeit  mit dem Privatleben – bei reduzierten Mikroverletzungen – zu unterstützen und zu optimieren.

Der früher so benannte „Personal Digital Assistent“ (PDA) war eine wenigstens erste technische Antwort auf die steigende Ueberforderung der Planung und Nutzung von Terminen, Aufgaben, Dringlichkeiten, Mails, Kontakte.
Spätestens dann jedoch war der Mitarbeiter bereits mit 2 Revolvern an den Gürtelhalftern ausgestattet – auf der einen Seite das Natel und auf der anderen Seite der PDA.
Und mit beiden Revolvern konnte man ausserhalb der Arbeitszeit / im Wohnraum / in der Familie / Tag und Nacht weitere Mikroverletzungen zufügen – sich selber und anderen Personen.

Die Work-Life-Balance war aus Sicht der Firmen nun optimierter auf wenigstens der technischen Ebene. Die Arbeit fand Einzug in der Privat-Intimsphäre / Wohnzimmer / Familie. Was das nun mit Work-Life-Balance zu tun hatte sei dahingestellt. Es war ja nicht so – und ja auch seitens Firmen und eher auch nicht seitens Mitarbeiter erwünscht – dass im Gegenzug die Familie / Privatsphäre / Kinder täglich mit an den Arbeitsplatz mitgenommen werden durften …

Es entstanden andere Prozess-Besonderheiten wie z.B.
– kurz vor Feierabend ein Mail loszusenden mit dem unterschwelligem Zwang zulasten des Empfängers diese bis spätestens am nächsten Tag morgens früh (oder natürlich dringlicher heute abend noch…) beantwortet oder bearbeitet zu erhalten.
– möglichst viele Personen mit CC (weitere Subform von Mikroverletzung) aufzuzeigen wie wichtig was ist – oder Man(n) / Frau ist
– eigene Planungs- und Qualitäts-Fehlleistungen mittels dringlichen oder gar notfallmässig eskalierten Mails / SMS / Mitteilungen auf allen (wenn möglich parallel) verfügbaren Kanälen loszuwerden und die Erwartungshaltung der Sofort-Hilfe zu schüren

Zum Glück gab / gibt es immer mehr Personen welche sich diesem Erreichbarkeits- und Omnipräsenz-Wahn mittels Methoden / Prozessen und auch technischen Hilfsmitteln phasenweise entziehen.
Dabei sind unteranderem folgende Aspekte sicherlich hilfreich:
– KnowHow-Transfer in Organisationen zugunsten der Kopf-Unabhängigkeits-Optimierung
– Stellvertretungs-Organisationen und saubere Dokumentation und Uebergabe bei Abwesenheiten oder Ferien
– Eine tiefen Einstellungsfrage, dass zwar „Wissen = Macht“ aber auch in diesem Aspekt den „Untergang“ bedeuten kann wenn man sich schützen will von dauernden Störungen und Rückfragen / Eskalationen.
– Einer persönlichen Philosophie so viel Informationen als nur möglich und sinnvoll weiterzugeben zur Entlastung von sich selber (es gibt viele Zitate darüber)
– Beschäftigte könnten mit ihren Vorgesetzten Zeiten vereinbaren, in denen sie grundsätzlich nicht erreichbar sind (Eigentlich müsste das ja irgendwie selbstverständlich sein wenn man den Betrachtungsfokus in Richtung der zu wenig heiligen Privatsphäre richtet …)

Einmal mehr hat auch hier die Technologie die Finger im Spiel für einerseits die Optimierung oder auch Verschlechterung dieser Work-Life-Balance und Mikroverletzungs-Situation.
Weitere technologische Fortschritte und Trends wie z.B. HomeOffice-Arbeitsplätze, Bring your own Device (ByoD), People Centric IT (PcIT), Cloud und der Einzug des Internets in den Heimbereich, Heimvernetzung, Fernseher, Spielkonsolen waren nicht gerade zuträglich für die nicht mehr so heilige „Work-Life-Balance“

Es scheint, dass man nur mit massgeschneiderten Spielregeln seitens der Firmen – aber auch des Privatlebens / Familien – langfristig eine echte Vereinbarkeit der Arbeit mit dem Privatleben erzielen und ermöglichen kann.
Dabei stehen mittlerweilen sehr viele gute technische und eben genau für diese Bedürfnisse und Spielregeln / Prozessoptimierungen steuerbare Technologien zur Verfügung.
Hierbei spielen neuartige, prozessorientierte Kommunikations-Technologien (wie z.B. zentralisierte Datenplattformen wie SharePoint, Enterprise Social Netzwork wie Yammer, Holprinzip anstelle Push-Prinzip, Email-Automatismen und Regeln) und Methoden, unterstützt durch entsprechende Gerätschaften und Cloudlösungen, eine zunehmend tragende wenn nicht gar „befreiende“ Rolle. Trotzdem darf man kein Sklave werden des Computers und vorallem des gnadenlosen Email-Posteingangs. Nur schon eine effiziente und erweiterte Outlook-Nutzung (Stichwort „Nutzung der bereits vorhandenen, aber vielfach brachliegenden Moeglichkeiten“) kann hier einem die eigene Selbstorganisation in den Bereichen wie Kalender- und Aufgaben-Verwaltung, Outlook-Regeln, sogenannte „Quick-Steps“ und letztlich effizientem Email- und Prozess-Workflow mit wenig Schulungsaufwand unterstützen.

Gut gemeint?! Erschreckend!
Im weiteren scheint mitunter der gesunde Menschenverstand und Vernunft (zum Glück…) auch wieder vermehrt Einzug zu halten in einer dringlichen Gesamtlösung.
Es gibt viele Beispiele von grossen Organisationen welche z.B. Emails nach Feierabend sperren oder verzögert ausliefern, welche die Heimarbeit reduzieren oder ganz verbieten, welche System-Zugangszeiten beschränken und steuern (z.B. ganz banal klingende Mechanismen in der Arbeitsplatz-Ergonomie wie das automatische Abdunkeln der zu grellen Bildschirme gegen die Abendzeit) Eine weitere gutgemeinte (und letztlich wiederum eher firmen-leistungssteigernde…) Unterstützung ist das computerunterstützte Ueberwachen und Optimieren der optimalen Schlaf- und Aufweck-Zeiten. Erschreckend!

Das Recht auf Beschäftigung muss begleitet sein mit dem Recht auf Freizeit, mit eben auch wichtiger Unerreichbarkeit. Es sind Lösungen und Konzepte gefragt und nicht nur Floskeln oder dann Symptombekämpfungen in Therapien oder damit belasteten Personalabteilungen.
Es muss ein Umdenken auf allen Ebenen stattfinden.

Echte Freiheit und Work Life Balance im digital optimiertem Zeitalter (?!)

Ich bin dann mal weg!

… aber ev. trotzdem erreichbar per Smartphone oder Email …

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2 Gedanken zu “Recht auf Unerreichbarkeit, ohne Mikroverletzungen – ich bin dann mal weg!

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